Gerade haben The Notwist auf ihrem Haus-Label Alien Transistor den Soundtrack zu Hans Christian Schmids neuem Film „Sturm“ herausgebracht – natürlich rein instrumental, wie schon bei „Lichter“. Doch muss ich zugeben, nach „The Devil, You + Me“ von 2008, fehlen mir die Texte mehr denn je. Nur, außer mir, scheint bislang noch niemandem aufgefallen zu sein, welchen Qualitätsschub Mister Achers Notwist-Lyrics auf dem letzten Album erfuhren. Nein wirklich, ich höre mir diese traurigen Lieder nun schon seit 1991 regelmäßig an. Damals hatten wir alle Dreadlocks, die Band und ich und nun sehen wir alle aus wie Musiklehrer.
Als ich noch als Punk verkleidet war, ergötzte ich mich an der kafkaesken Mini-Prosa in „The Incredible Change Of Our Alien“ und schluchzte das Anti-Techno-Mantra „No lo-ove, no lo-ove, say there’s no love“ auf grauen Ruhrpottstraßen vor mich hin. Später empfand ich die lakonischer ausfallenden Exitenzialismen à la „12“ ebenfalls als sehr familiär: „Now I know a year has 12 days/Sometimes more but usually less/Now I’ve learned not everything has a name/Or how do you call a thing that eats itself“.
Dann kam der Hauch Großstadt, ein hippes, elektronisches Knispern und Knurzen dazu und ich, der ich damals häufiger in englischsprachigen Ländern weilte, entlarvte die Lyrics als indifferent konstruierte Idiosynkrasien, deren deutschen Akzent man schon aus dem Booklet herauslesen konnte. So schön das Lied „Electric Bear“ musikalisch war und ist, der Text gehört schlicht streng zensiert. „I can talk of your eyes every day/Cause they don`t look old/And I never feel any cold“. Vorbei die gut geklaute Kafka- respektive Beatnik-Atmo. Vorbei die Jugend und das tarkowskijeseke Selbstenthüllungsdrama jener Zeit.

Ich flüchtete mich erstmal zu Stockhausen und Ligeti und kam einige Monate später verdutzt zurück mit Busdriver und MF Doom. Und auf einmal waren auch The Notwist wieder da. Aus reiner Nostalgie hörte ich noch einmal rein und siehe da: der Acher hatte nachgedacht. Kafka war wieder da, sogar kohärenter („He’s living next the rails/He can tell you things of different cars and trains/Now he’s trying the whole day/To SWITCH off time by causing train-delay“) und ich fühlte mich wieder jung. Das melancholische Gezeter ging wohl dosiert weiter und selbst abstruse Lyrikfloskeln à la „opaque air“ versauten mir dabei nicht den Appetit, selbst das Mantra war wieder da und der Text „Off the rail“ perlte ins Langzeitgedächtnis hinein: „We’re off the rails. Now we are/Trains ourselves. No wait and see/We’re off this place doesn’t mean/We’re somewhere else. This is all/I know: sitting still to watch the engines come and go“. Lalala, lalala.

Doch war das erst der Anfang. Denn Markus Acher hatte sich infiziert und eine Dosis Doseone injiziert. Im Interview mit Pitchfork gestand er: „In the beginning, when I started writing lyrics and singing in English, I always thought it’s pop music, you sing in English. But after I thought about it more, I had this crisis and I thought it was really stupid to sing in English. You always have to translate and you can never say what you want. I was becoming really conscious of this process of translation, and then I met Adam Drucker (Doseone) and he was really important, because he was someone who I think is a really great writer and he would tell me I could use words totally differently, because I don’t know them.“
Doseone, der beatpoetischste Rapper dieses Jahrtausends, hat MC Notwist ein paar krude Vokabeln mehr und stilistische Gepflogenheiten in den Schoß gelegt. Und nun singt der deutsche Schwermutcowboy mit einem Mal von bones und hell anstatt von dreams und fall. So klingt das Ätherische heute ein wenig erdiger.

Und selbst das brandneue Mantra „Sleep“ umweht ein Hauch von Ambivalenz: „On and on and on and on and on/Someone has sleep for me/Is it all just letters and bones“, mit nie gekannten lyrischen Spitzen Gevatter Schlaf betreffend: „This god is a nothing phantom/And a pocket light“. Apropos Lyrik, der Song „Gravity“ ist so bildermächtig und humorvoll, dass sich selbst Herta Müller mit ihren Schnipselgedichten herausgefordert fühlen müsste: „Bring in the savage/Bring in the loud/And fill our house with all the homey astronauts“. Das klingt nach „The Notwist goes Monty Python“. Stimmt aber nicht. Hier herrscht die altbewährte, belastungserprobte Songwriter-Atmo: schwermütig und dauerdebil. Nur die Bilder, die der Acher dafür findet, spenden Trost und machen richtig Spaß: „Guardian help me, angel shoot/All you ghosts stand by and salute/And explain:/Why is everything so locked up?“.
Verfasst von memorybloc
Achtung! Achtung! Rapper werden immer klüger! Rhymebooks werden stets komplexer! Abseits von Ghetto und Muckibude lesen die „Unemployed Black Astronauts“ heute Burroughs, Joyce und Barthes! Bald werden wir Hip Hop studieren müssen, um ihn zu verstehen. Wir werden Seminare wie „Dialektisches Denken im Nerdcore“ und „Die Globalisierung des Selbst – von Rimbaud zu MF Doom“ belegen müssen, Suhrkamp und Reclam werden Sekundärliteratur zu einzelnen Platten feilbieten. Und wer beginnt das Ganze? Natürlich wir Amateure im globalen Netz. Also los! In unserer Reihe „One-Track-Philosophy“ steht Busdrivers „Me-Time (With The Pulmonary Palimpsest)“ vom neuen Album „Jhelli Beam“ auf dem Programm.
Busdriver rappt zum zweiten Mal über ein bekanntes Thema aus der klassischen Musik. In „Imaginary Places“ wollte er das Hip Hop Empire zu Grabe tragen, in dem er und sein Producer Paris die Melodie aus Bachs Flöten-Menuet Nr. 2 in H-Moll simultan mitrappten und -scratchten. Vier Alben später wird diese Schlacht neu ausgetragen, das heißt: neu beatmet und beschrieben (denn Palimpsest meint ein Papier oder Pergament, das neu beschrieben wird). Über Mozarts Klaviersonate in A-Dur beschwört der Meister ein „Golden Egg“ (quasi ausgesprochen wie „Golden Age“), das nur er zu kennen scheint, denn er fühlt sich missverstanden: „your least favorite rapper“. Also versuchen wir ihn doch einmal zu verstehen: „(automated) voter readytellers’ are the subsequent heavy seller in the pool of undecided’s registry (…) yet they give credience to the pro war, pondering, as we all squabble for Saturn’s rings“. Punkt.
Da ich aber nicht Euer Etymologie-Lexikon sein will, sondern lediglich gute Musik empfehlen möchte, berufe ich mich auf Busdrivers eigene Worte, in deren Welt der „(Happy Ever) After Benefactor“ herrscht und „Happy Black Rappers“ ohne Rücksicht auf das Verständnis der Masse ihre In- als Auszeit propagieren: „(when I’ve been) overthought an’ undercooked, that’s when I need me-time“.
So macht Katharsis wieder Spaß. Nachdem Jeff Koons die Neue Nationalgalerie mit seinen leergestylten Kitschfiguren auratisch kontaminiert hatte, nimmt Imi Knoebel den Staubsauger in die Hand und räumt den Van-der-Rohe-Tempel erst mal auf, pinselt die Glasfassaden zu und lässt das Wachpersonal ins Leere laufen. Dazwischen geht man selbst herum und fragt sich, worauf der Wachmann wirklich aufpasst? Auf Knoebels schnöde Pressholzstapel etwa? Oder auf die Marmorpfeiler, die da immer stehen?
Während ich durch Rohes Restkunstrampe stapfe, erschnüffle in meiner Neugier aber doch einige Resultate krimineller Energie: freigekratzte Löcher auf den kalkverschmierten Fenstern. Da hat der ein und andere Kunstbesucher in seiner oder ihrer blühenden Fantasie die Nationalgalerie wohl mit dem Château d’Ilf oder mit Alcatraz verwechselt. Schaut man da hindurch, kann man draußen einsame Menschen vor der Glasfassade sitzen sehen und schöne, traurige Berlin-Fotos mit nach Hause nehmen.
Oder man kann beim Spaziergang durch den hohlen Raum die geheimnisvolle Kraft des Lüftungsschachts in Marmorpracht bewundern, die man sonst zwischen den „Das-muss-man-einfach-gesehen-haben“-Exponaten nie zur Kenntnis genommen hätte. Insofern: ja, tatsächlich, hier findet eine Reinigung statt. Hier kann man seine Hände in Kunst waschen ohne sie sich dabei schmutzig machen zu müssen. Hier kann man das Ausgestellte noch so sehr für bare Kunst nehmen, heraus kommen immer die Erfahrung eines leergefegten Raumes und die temporäre Befreiung von der Alltagsmythologie.
Selbst mit des Künstlers Referenzen hinsichtlich der weißen Wandscheibe mit drei Türen „Zu Hilfe, zu Hilfe, sonst bin ich verloren!“, die gleich hinterm Eingang steht, kann man mich nicht mehr beeindrucken. Ich bin zu eingenommen von der Einfachheit meiner eigenen Erfahrungen. Egal wie herum ich durch die Türen spaziere, immer gehe ich von einem geleerten Raum (drinnen) in einen anderen geleerten Raum (draußen) oder umgekehrt. Räume voller Möglichkeiten, denke ich, nach dem mir, wieder draußen, der Bus vor der Nase weg fährt.
Emo-Rap ist leider nie Alternative zum leidlichen Dicke-Hose-Hop geworden. Gut, die Conscious-Type-of-Guys-&-Girls durften immer schon mal dissapointed sein, verzogen sich dann aber gern in antiquierte Zugehörigkeitsfantasmen (meistens unter die Fuchtel des Allmächtigen). Wer sich einfach nur mal so „sad like a truck“ und splitternackt hinter der Stirn geben wollte, der hängte sich wie eh und je eine Gitarre um den Hals. Doch gab und gibt es Ausnahmen. Die hellsten Sterne am Melancholy-Hiphop-Himmel heißen Epic, Nomad und Pigeon John. Erstere schämen sich gern auf ganz konkrete Art, die üblichen Rapper’s Delights zu goutieren. Letzterer hat mit „Matter 101“ schlichtweg die evergreenste Hiphop-Ballade geschrieben, die wo gibt:
In diesem Jahr gehört der Liebesliedpokal den rockenden Drehbuchschreibern von TV On The Radio. die mit ihrer Hymne „Lover’s Day“ der Hot-Chipschen Ich-klopp-Dich-ins-Bett-Anthroposophie knallhart positiv begegnen. Der Kampf als ekstatisches Desaster, von animal zu cannibal bis beyond mirrors outside clock. Also von ich-reiß-Dir-die-Augen-aus-vor-Glück bis tief ins Uterus-Gefühl zurück. Begleitet von Schellen und Fanfaren darf die Indie-Band der Stunde dann auch reine Porno-Poesie skandieren:
Das Böse hat ein neues Gesicht, es trägt Kutte im Nebel und es ist zu zweit: Sunn O))). Und das Gute? Das trägt Dreadlocks zum Froschkostüm und vertont die Bibel: Soul Junk. Beide machen es einem nicht grad leicht, deren Musik im stillen Kämmerlein zu lauschen. Denn Diàbolos, der Durcheinanderwerfer, hat hie wie da die knorpeligen Fingerchen im Spiel. Auch wenn Gelegenheitshörer erstmal meinen: „Hm, Sunn O))), das klingt nach Hippie-Satanisten, während Soul Junk, nun, das sind wohl wirklich kranke Christen“.
Obwohl Sunn O))) auf „Monoliths & Dimensions“gerade beginnen, richtig Liedgut zu gestalten. Musikalität an sich ist halt ein großes Feld. Es beginnt mit Stille und nach allerlei Geräuschen endet es in großem Krach. Dazwischen kann man Melodien, Harmonien und Rhythmen generieren. Kurz, ein Vielzuviel für diesen kleinen Blog. Interessanter ist dagegen das Drumrum: die Mönchskutten, das Froschkostüm, die Horror-Bilder, Bibelverse, die zig Kollaborationen beider Bandgestalten und die Rezensionen unsererseits, sprich, die ganze Mythisiererei. 
Aha. Solche Sätze kennt man freilich noch aus Kindergottesdiensten, nur in Verbindung mit höchst experimentellem Avant-Rap und -Rock hinterlässt es einem aufgeklärten Geist doch einiges an Fragen. Und seit Glen Galaxy keine Lust mehr hat, seine über die Cut-Up-Eskapaden gesungenen und gerappten Dada-Liturgien selbst zu verfassen, hat er einfach beschlossen, die gesamte Bibel zu vertonen. Wer das mal nachhören will, muss seinen Blog
Und wo Kanye West das Weite in den ausgetretnen Pfaden der Top-Ten-Kunst sucht, entkleidet DOOM sein Bi-Ba-Bösewichtgesicht im Stile alter Schule: „Rude like the type of dude you could write a movie on“. Die Frage stellt sich: Einen Movie über wen? Über Maskenträger DOOM? Die Antwort steht im Booklet drin: „Nothing comes between me and my maskes“. Ist dazwischen also gar kein Platz für einen Mythos-Rap? Der Villain ist kein Conscious-Depp. Die Reim-Botschaften oszillieren zwischen böse, böse und clap, clap. Der Gangstakasper schmeißt mit Silbenhaufen um sich und er widerspricht sich gerne selbst: Subconscious Rap.
Doch wollen wir den Willkommensgruß erwidern: wer die feindlichen MCs mit ihren „Little titties abilities“ eine „Rectal hysterectomy“ empfiehlt, der kann so kleinkariert nicht sein. Hinzu kommt, dass der Villain in Interviews gerne betont, dass er auch ein Villain ist. Und damit meint er wohl die ominöse Verbindung zwischen ihm und seinen Masken. 



