no love, no light, no gravity

2009/10/06

Gerade haben The Notwist auf ihrem Haus-Label Alien Transistor den Soundtrack zu Hans Christian Schmids neuem Film „Sturm“ herausgebracht – natürlich rein instrumental, wie schon bei „Lichter“. Doch muss ich zugeben, nach „The Devil, You + Me“ von 2008, fehlen mir die Texte mehr denn je. Nur, außer mir, scheint bislang noch niemandem aufgefallen zu sein, welchen Qualitätsschub Mister Achers Notwist-Lyrics auf dem letzten Album erfuhren. Nein wirklich, ich höre mir diese traurigen Lieder nun schon seit 1991 regelmäßig an. Damals hatten wir alle Dreadlocks, die Band und ich und nun sehen wir alle aus wie Musiklehrer. mit dreads Als ich noch als Punk verkleidet war, ergötzte ich mich an der kafkaesken Mini-Prosa in „The Incredible Change Of Our Alien“ und schluchzte das Anti-Techno-Mantra „No lo-ove, no lo-ove, say there’s no love“ auf grauen Ruhrpottstraßen vor mich hin. Später empfand ich die lakonischer ausfallenden Exitenzialismen à la „12“ ebenfalls als sehr familiär: „Now I know a year has 12 days/Sometimes more but usually less/Now I’ve learned not everything has a name/Or how do you call a thing that eats itself“.

Dann kam der Hauch Großstadt, ein hippes, elektronisches Knispern und Knurzen dazu und ich, der ich damals häufiger in englischsprachigen Ländern weilte, entlarvte die Lyrics als indifferent konstruierte Idiosynkrasien, deren deutschen Akzent man schon aus dem Booklet herauslesen konnte. So schön das Lied „Electric Bear“ musikalisch war und ist, der Text gehört schlicht streng zensiert. „I can talk of your eyes every day/Cause they don`t look old/And I never feel any cold“. Vorbei die gut geklaute Kafka- respektive Beatnik-Atmo. Vorbei die Jugend und das tarkowskijeseke Selbstenthüllungsdrama jener Zeit.
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Ich flüchtete mich erstmal zu Stockhausen und Ligeti und kam einige Monate später verdutzt zurück mit Busdriver und MF Doom. Und auf einmal waren auch The Notwist wieder da. Aus reiner Nostalgie hörte ich noch einmal rein und siehe da: der Acher hatte nachgedacht. Kafka war wieder da, sogar kohärenter („He’s living next the rails/He can tell you things of different cars and trains/Now he’s trying the whole day/To SWITCH off time by causing train-delay“) und ich fühlte mich wieder jung. Das melancholische Gezeter ging wohl dosiert weiter und selbst abstruse Lyrikfloskeln à la „opaque air“ versauten mir dabei nicht den Appetit, selbst das Mantra war wieder da und der Text „Off the rail“ perlte ins Langzeitgedächtnis hinein: „We’re off the rails. Now we are/Trains ourselves. No wait and see/We’re off this place doesn’t mean/We’re somewhere else. This is all/I know: sitting still to watch the engines come and go“. Lalala, lalala.
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Doch war das erst der Anfang. Denn Markus Acher hatte sich infiziert und eine Dosis Doseone injiziert. Im Interview mit Pitchfork gestand er: „In the beginning, when I started writing lyrics and singing in English, I always thought it’s pop music, you sing in English. But after I thought about it more, I had this crisis and I thought it was really stupid to sing in English. You always have to translate and you can never say what you want. I was becoming really conscious of this process of translation, and then I met Adam Drucker (Doseone) and he was really important, because he was someone who I think is a really great writer and he would tell me I could use words totally differently, because I don’t know them.“

Doseone, der beatpoetischste Rapper dieses Jahrtausends, hat MC Notwist ein paar krude Vokabeln mehr und stilistische Gepflogenheiten in den Schoß gelegt. Und nun singt der deutsche Schwermutcowboy mit einem Mal von bones und hell anstatt von dreams und fall. So klingt das Ätherische heute ein wenig erdiger.
Charles Burns
Und selbst das brandneue Mantra „Sleep“ umweht ein Hauch von Ambivalenz: „On and on and on and on and on/Someone has sleep for me/Is it all just letters and bones“, mit nie gekannten lyrischen Spitzen Gevatter Schlaf betreffend: „This god is a nothing phantom/And a pocket light“. Apropos Lyrik, der Song „Gravity“ ist so bildermächtig und humorvoll, dass sich selbst Herta Müller mit ihren Schnipselgedichten herausgefordert fühlen müsste: „Bring in the savage/Bring in the loud/And fill our house with all the homey astronauts“. Das klingt nach „The Notwist goes Monty Python“. Stimmt aber nicht. Hier herrscht die altbewährte, belastungserprobte Songwriter-Atmo: schwermütig und dauerdebil. Nur die Bilder, die der Acher dafür findet, spenden Trost und machen richtig Spaß: „Guardian help me, angel shoot/All you ghosts stand by and salute/And explain:/Why is everything so locked up?“.


Do you want to be my Zeitgeist?

2009/09/07


Busdriver1Achtung! Achtung! Rapper werden immer klüger! Rhymebooks werden stets komplexer! Abseits von Ghetto und Muckibude lesen die „Unemployed Black Astronauts“ heute Burroughs, Joyce und Barthes! Bald werden wir Hip Hop studieren müssen, um ihn zu verstehen. Wir werden Seminare wie „Dialektisches Denken im Nerdcore“ und „Die Globalisierung des Selbst – von Rimbaud zu MF Doom“ belegen müssen, Suhrkamp und Reclam werden Sekundärliteratur zu einzelnen Platten feilbieten. Und wer beginnt das Ganze? Natürlich wir Amateure im globalen Netz. Also los! In unserer Reihe „One-Track-Philosophy“ steht Busdrivers „Me-Time (With The Pulmonary Palimpsest)“ vom neuen Album „Jhelli Beam“ auf dem Programm.

Lektion 1: Das Lungenpalimpsest

busdriverBusdriver rappt zum zweiten Mal über ein bekanntes Thema aus der klassischen Musik. In „Imaginary Places“ wollte er das Hip Hop Empire zu Grabe tragen, in dem er und sein Producer Paris die Melodie aus Bachs Flöten-Menuet Nr. 2 in H-Moll simultan mitrappten und -scratchten. Vier Alben später wird diese Schlacht neu ausgetragen, das heißt: neu beatmet und beschrieben (denn Palimpsest meint ein Papier oder Pergament, das neu beschrieben wird). Über Mozarts Klaviersonate in A-Dur beschwört der Meister ein „Golden Egg“ (quasi ausgesprochen wie „Golden Age“), das nur er zu kennen scheint, denn er fühlt sich missverstanden: „your least favorite rapper“. Also versuchen wir ihn doch einmal zu verstehen: „(automated) voter readytellers’ are the subsequent heavy seller in the pool of undecided’s registry (…) yet they give credience to the pro war, pondering, as we all squabble for Saturn’s rings“. Punkt.

(Die Schreibfehler sind übrigens keine Schreibfehler, sondern Portmanteaus) Wollte ich Euch das erklären, müsste ich zu jenen Englisch-Lehrern gehören, die ihren Leistungsfach-Schülern „Finnegan’s Wake“ gerne noch nach der Schule zurechtanalysieren. busdriver and owlDa ich aber nicht Euer Etymologie-Lexikon sein will, sondern lediglich gute Musik empfehlen möchte, berufe ich mich auf Busdrivers eigene Worte, in deren Welt der „(Happy Ever) After Benefactor“ herrscht und „Happy Black Rappers“ ohne Rücksicht auf das Verständnis der Masse ihre In- als Auszeit propagieren: „(when I’ve been) overthought an’ undercooked, that’s when I need me-time“.

Also: schnell selbst kaufen, reinhören, nachlesen, weiterforschen und zum Beispiel eine Platte vom „Happy White Rapper“ MC Paul Barman besorgen und das Palindrom studieren, schön vergleichen und erkennen: Yo, im Anfang war das Wort!


Die Einsamkeit des Wachmanns bei Imi Knoebel

2009/07/09

Die Einsamkeit geht spazierenSo macht Katharsis wieder Spaß. Nachdem Jeff Koons die Neue Nationalgalerie mit seinen leergestylten Kitschfiguren auratisch kontaminiert hatte, nimmt Imi Knoebel den Staubsauger in die Hand und räumt den Van-der-Rohe-Tempel erst mal auf, pinselt die Glasfassaden zu und lässt das Wachpersonal ins Leere laufen. Dazwischen geht man selbst herum und fragt sich, worauf der Wachmann wirklich aufpasst? Auf Knoebels schnöde Pressholzstapel etwa? Oder auf die Marmorpfeiler, die da immer stehen?

Die Einsamkeit sitzt hinterm KalkschleierWährend ich durch Rohes Restkunstrampe stapfe, erschnüffle in meiner Neugier aber doch einige Resultate krimineller Energie: freigekratzte Löcher auf den kalkverschmierten Fenstern. Da hat der ein und andere Kunstbesucher in seiner oder ihrer blühenden Fantasie die Nationalgalerie wohl mit dem Château d’Ilf oder mit Alcatraz verwechselt. Schaut man da hindurch, kann man draußen einsame Menschen vor der Glasfassade sitzen sehen und schöne, traurige Berlin-Fotos mit nach Hause nehmen.

Der KunstschachtOder man kann beim Spaziergang durch den hohlen Raum die geheimnisvolle Kraft des Lüftungsschachts in Marmorpracht bewundern, die man sonst zwischen den „Das-muss-man-einfach-gesehen-haben“-Exponaten nie zur Kenntnis genommen hätte. Insofern: ja, tatsächlich, hier findet eine Reinigung statt. Hier kann man seine Hände in Kunst waschen ohne sie sich dabei schmutzig machen zu müssen. Hier kann man das Ausgestellte noch so sehr für bare Kunst nehmen, heraus kommen immer die Erfahrung eines leergefegten Raumes und die temporäre Befreiung von der Alltagsmythologie.

Zu Hilfe, zu Hilfe, sonst bin ich verlorenSelbst mit des Künstlers Referenzen hinsichtlich der weißen Wandscheibe mit drei Türen „Zu Hilfe, zu Hilfe, sonst bin ich verloren!“, die gleich hinterm Eingang steht, kann man mich nicht mehr beeindrucken. Ich bin zu eingenommen von der Einfachheit meiner eigenen Erfahrungen. Egal wie herum ich durch die Türen spaziere, immer gehe ich von einem geleerten Raum (drinnen) in einen anderen geleerten Raum (draußen) oder umgekehrt. Räume voller Möglichkeiten, denke ich, nach dem mir, wieder draußen, der Bus vor der Nase weg fährt.


Blackbirds backwards: Buck 65 poliert den Emo-Rap

2009/06/29

Bike For ThreeEmo-Rap ist leider nie Alternative zum leidlichen Dicke-Hose-Hop geworden. Gut, die Conscious-Type-of-Guys-&-Girls durften immer schon mal dissapointed sein, verzogen sich dann aber gern in antiquierte Zugehörigkeitsfantasmen (meistens unter die Fuchtel des Allmächtigen). Wer sich einfach nur mal so „sad like a truck“ und splitternackt hinter der Stirn geben wollte, der hängte sich wie eh und je eine Gitarre um den Hals. Doch gab und gibt es Ausnahmen. Die hellsten Sterne am Melancholy-Hiphop-Himmel heißen Epic, Nomad und Pigeon John. Erstere schämen sich gern auf ganz konkrete Art, die üblichen Rapper’s Delights zu goutieren. Letzterer hat mit „Matter 101“ schlichtweg die evergreenste Hiphop-Ballade geschrieben, die wo gibt:

You can fight
You can write
You can piss and gripe
And try to climb up the ladder
But know this, the abyss will swallow
And kiss as you become decompost matter!

Und schließlich ist ihm auch die größte Erniedrigung seiner Community egal:

I don’t care,
if the Hip-Hop-Heads turn away and say
Pigeon John has turned gay.

Und nun kommt Buck 65, der seit jeher das musikalische Niemandsland zwischen Tom Waits und Masta Ace für uns bewirtschaftet, also immer schon experimentierfreudig und conscious unterwegs ist, aber noch nie „so lost“, wie neuerdings als Duo Bike For Three. Auf dem gerade auf Anticon erschienen Album „More Heart Than Brains“ hat ihm Joelle Phuong Minh Le (aka Greetings from Tuskan) mit vertraut klingenden Bimmel-Clicks und Bummel-Cuts ein modernes Märchenland serviert, per E-Mail, versteht sich. Bike For Three Photo
Und 65 lässt seine Johnny-Cash-Allüren ausnahmsweise mal im Schrank und gibt sich so fragil wie ein Martini-Glas beim Bauarbeiter-Frühschoppen. „There’s only one of us, parallel (…), thinking thoughts we’re scared to tell“, spricht er da, als wären es die letzten Worte vor dem ersten Kuss, der niemals Wirklichkeit erlangen wird. Und als wäre Rap nie zu etwas anderem da gewesen, als zur Einsicht in ein zartes und verhuschtes Dichter-Ich. www.bikeforthree.com


memorydub 3

2009/06/23

Fragt mich einer, was ich mir davon verspräche, Pop auf Texte abzuklopfen, denn der Angelpunkt wär doch der Groove, das Feeling und ich sollte auf Konzerte gehen, statt mich auf die Couch zu fläzen, Headphones aufzusetzen und die Rauhfasertapete rhythmisch aufzukratzen. Sag ich, gut, aber Schwanz ganz ohne Geist, das geht so nicht, ich kann mich nicht entspannen, wenn der Singsang sich auf rückengymnastischen Phallozentrismen ausruht, bin ich denn Aerobic-Lehrer?! Und die Worte grooven eben oft viel reifer und gescheiter als das Britzelbrutzel der in 32stel zerlegten 7/8tel-Knuspertakte.

The Wortspiel goes over alles (wie die Toten Kanadier schon sangen) in the Popmusik. Und deshalb werd ich bald auch noch Destroyer, Doseone und selbstverständlich MC Paul Barman in meine Liedgutgalerie stellen. Damit die Menschen da draußen mal merken, dass Bob Dylan nicht der einzige war, der lesen UND fingerpicking konnte.


Der Liebesliedpokal 2009 geht an…

2009/06/23

In guten Liebesliedern gibt es immer eins auf die Nuss. Denn die besten Liebesliedpoeten sprechen aus Erfahrung und Erfahrung wird ja, wenn’s um Liebe geht, geteilt. Dann wird uns nicht das Blaue vom Himmel, sondern das Rosa von der Brille gelogen. Kurz, wir werden vorgewarnt „es wird was auf die Mütze geben!“ und wir werden ausgesöhnt „gerade deshalb lohnt sich’s eben!“.

Und im letzten Jahr bewiesen Hot Chip mit „Wrestlers“,dass Liebhaber im Zuge des Liebesgefechts zu einsamen Kämpfernaturen mutieren (wie passgenau diese Gestalt doch mit Mickey Rourke zeitgleich bebildert wurde). Quintessenz, wer lieben will, muss gut gewappnet sein: „Body Slam, Headlock, Elbow Drop, Grudge Match, Jelly-Flop…“.

TV On The RadioIn diesem Jahr gehört der Liebesliedpokal den rockenden Drehbuchschreibern von TV On The Radio. die mit ihrer Hymne „Lover’s Day“ der Hot-Chipschen Ich-klopp-Dich-ins-Bett-Anthroposophie knallhart positiv begegnen. Der Kampf als ekstatisches Desaster, von animal zu cannibal bis beyond mirrors outside clock. Also von ich-reiß-Dir-die-Augen-aus-vor-Glück bis tief ins Uterus-Gefühl zurück. Begleitet von Schellen und Fanfaren darf die Indie-Band der Stunde dann auch reine Porno-Poesie skandieren:

„I’m gonna take you,
I’m gonna shake you,
I’m gonna make you cum.“
.

Das darf sie, weil sich cum zum Schluss in home verwandelt:

„I’m gonna take you,
I’m gonna take you,
I’m gonna take you home.“
.

Dazwischen wird die Wohnungseinrichtung kaputt gefickt und die übrige irdische Welt in Gestalt der Nachbarn darf die Cops rufen. Und ausnahmsweise folgt nicht die Heilige Ekstase, Auflösung und Himmelschor, sondern nur der schlichte Ausruf: „Lover’s Day“. Und das zum crescendierenden Blasmusik-Finale im besten Sufjan-Stevens-Stil, nur ohne „Come on, Lord & make it Yours!“… ein ganz normaler Feiertag wie jeder andere.


Nicht zur Nachahmung empfohlen

2009/06/18

[folgendes Problem junger Kunstschaffender: wie lenke ich das Zeitgenössische, das Angesagte möglichst schnell in meine Richtung? Wie kommt der Erlös in meine Tasche? Wie gelangt das Salböl auf mein Haupt? nehmen wir zum Beispiel Pollesch: wie emanzipier ich mich von einer Kunstform, deren Gestalt (noch nicht versteinert durch Jahrzehnte Zeitgeschichte) munter fluktu- und auch funktioniert? ein Schritt zurück. wer muss denn was da anders machen wollen, als der Angesagte, ohne von ihm los zu kommen?]

Führt denn wirklich gar kein Weg an René P. vorbei, um, wie gestern im Ballhaus Ost erlebt, „zeitgenössisches politisches Theater“ zu machen? Waren denn nicht Rimini das Ding der Stunde – DAS Polit-Theater up to date in Reinform? Aber klammern wir doch erstmal aus: was ist NICHT „zeitgenössisches politisches Theater“? Die Alkoholikerin von nebenan am Fensterbrett beim Selbstgespräch? Das in puncto Kreativität totformalisierte Bewerbungsgespräch vorgestern früh? Oder das Lauschen der Platte „Dear Science,“ von TV On The Radio?…
schwierig…
Ein Zwischenschritt.
Was ist der Knackpunkt in Polleschs diskursivem Vaudeville-Theater? Antwort: das Zitat! Alles, was gesagt, getragen oder aufgenommen wird, das ist Zitat. Jedes Wort wird ausgestellt, ist nicht von mir, kommt nicht von Herzen, und wenn, dann ist auch das nicht meins, ist vielmehr deins, weil du mich liebst oder weil nicht, also SCHÖN KOMPLETT ENTFREMDET. Wie kann man sich davon jetzt emanzipieren? Gar nicht. Besser, man rennt weg. Und fragt sich selbst, was mir Entfremdung bringt, liest noch mal bei Hegel nach oder beobachtet einen Hund im Park beim Apportieren, ruft dann seine Mutter an und fragt, was alles soll! Das subsumiert man dann und fragt sich noch einmal: was ist „zeitgenössisches politisches Theater“? und macht die Augen auf


Ist Gott jetzt Gitarre oder Sampler?

2009/06/05

Sunn O)))Das Böse hat ein neues Gesicht, es trägt Kutte im Nebel und es ist zu zweit: Sunn O))). Und das Gute? Das trägt Dreadlocks zum Froschkostüm und vertont die Bibel: Soul Junk. Beide machen es einem nicht grad leicht, deren Musik im stillen Kämmerlein zu lauschen. Denn Diàbolos, der Durcheinanderwerfer, hat hie wie da die knorpeligen Fingerchen im Spiel. Auch wenn Gelegenheitshörer erstmal meinen: „Hm, Sunn O))), das klingt nach Hippie-Satanisten, während Soul Junk, nun, das sind wohl wirklich kranke Christen“.
Musikalisch vergleichbar ist das erst mal gar nicht. Soul JunkObwohl Sunn O))) auf „Monoliths & Dimensions“gerade beginnen, richtig Liedgut zu gestalten. Musikalität an sich ist halt ein großes Feld. Es beginnt mit Stille und nach allerlei Geräuschen endet es in großem Krach. Dazwischen kann man Melodien, Harmonien und Rhythmen generieren. Kurz, ein Vielzuviel für diesen kleinen Blog. Interessanter ist dagegen das Drumrum: die Mönchskutten, das Froschkostüm, die Horror-Bilder, Bibelverse, die zig Kollaborationen beider Bandgestalten und die Rezensionen unsererseits, sprich, die ganze Mythisiererei.

Die Volksbühne öffnet die Tore mal wieder für Sunn O))) und alle metropolitanen Hinterhofatheisten rufen „Ritual!“ und denken: „superliminal!“. Dass solcherlei ästhetisierte Rebellion allenfalls die Kinderzimmertage wieder aufleben lässt, von wegen „Nein, mein Zimmer räum ich heut nicht auf!“, stört im Prenzlberg natürlich herzlich wenige. Sunn O))) im Schnee
Da scheint mir Glen Galaxi, der Kopf von Soul Junk, ungleich radikaler, unverdaulicher. Fragt man Sunn O))) nach ihrer musikalischen Zusammenarbeit mit Satanisten und Choristen, erntet man die üblich schwammige und konsensuale Stone-Washed-Philosophy im Kunstkontext: “We just did it because it was our stuff, and we really believed in it. But it’s a testament, I guess, about music.” Fragt man hingegen Mr. Galaxy nach seinen Kollabos mit solch illustren Musikern, wie Pigeon John und JC2000, antwortet dieser: „I’ve never wanted something predictable – the only consistency is supposed to be that take-off point where God had me start the band, in the freedom of the Spirit of God. Sometimes I’ve gotten clear personal direction from God as to where to take the band.“ Seine Songs kreiere er mit befreundeten Djs in early morning concept jams. Seine Band nennt er Holy-Ghost-Band, denn „the structure of the Holy Spirit is incredibly dynamic and full of life and divine love“.

Glen Galaxy Aha. Solche Sätze kennt man freilich noch aus Kindergottesdiensten, nur in Verbindung mit höchst experimentellem Avant-Rap und -Rock hinterlässt es einem aufgeklärten Geist doch einiges an Fragen. Und seit Glen Galaxy keine Lust mehr hat, seine über die Cut-Up-Eskapaden gesungenen und gerappten Dada-Liturgien selbst zu verfassen, hat er einfach beschlossen, die gesamte Bibel zu vertonen. Wer das mal nachhören will, muss seinen Blog http://souljunk.com/ nach MP3s durchforsten und findet die Genesis (1-50) inzwischen vollständig vor. Mit Exodus ist er gerade bei Track 19 angekommen. Wer nicht glauben will, dass dabei höchst avancierte Popmusik, irgendwo zwischen People Like Us und Anti-Pop-Consortium, heraus kommen kann, der höre sich bitte den Track mit dem schönen Titel „Ungst Func Slag Collision“ an.

Ja, ich gebe zu: ich versteh es nicht, also bin ich Fan. Und genau das ärgert mich bei Sunn O))). Natürlich liebe ich die selbst gewählten Inkohärenzen des Alltags. Wenn ich an einem sonnig-warmen Juni-Morgen die Fenster sperrangelweit öffne, draußen die Vögel zwitschern höre und zusätzlich „megszentségteleníthetetlenségeskedéseitekért“ von Sunn O))) in die sommerliche Soundscape integriere. Aber es geht mit Sunn O))) so ähnlich wie mit Heinz Erhardt. Nach zwei Zeilen weiß man halt, was kommt. Da greife ich in meinen early morning concept jams doch lieber gleich zu Soul Junk.


RezenzOOM: (MF) DOOMs „That’s that“

2009/05/12

Lass doch das Subjekt mal weg und konzentrier Dich auf die Lyrics, wenn das Li-La-Lyrik-Ich sein Inneres nach außen konzertiert. MF Doom mit langem O und – ganz neu – ohne M & F verjagt die letzten Dogma-Gangstaismen. mf doomUnd wo Kanye West das Weite in den ausgetretnen Pfaden der Top-Ten-Kunst sucht, entkleidet DOOM sein Bi-Ba-Bösewichtgesicht im Stile alter Schule: „Rude like the type of dude you could write a movie on“. Die Frage stellt sich: Einen Movie über wen? Über Maskenträger DOOM? Die Antwort steht im Booklet drin: „Nothing comes between me and my maskes“. Ist dazwischen also gar kein Platz für einen Mythos-Rap? Der Villain ist kein Conscious-Depp. Die Reim-Botschaften oszillieren zwischen böse, böse und clap, clap. Der Gangstakasper schmeißt mit Silbenhaufen um sich und er widerspricht sich gerne selbst: Subconscious Rap.

Also rezensiern wir mal die nebulösen Wortgebilde, die der Unhold uns ins Mikro spuckt. „That’s That“, ein alter Track aus seinem Metalfinger-Sammelsurium, gilt auf dem neuen Album „Born Like This“ als Willkommensgruß für all jene, die ihn vier Jahre lang vermissen mussten. Nachdem er zwischen 2003 und 2005 bald ein Dutzend schwergewichtiger Hiphop-Alben aus der Hüfte stemmte, rappelten in jüngster Zeit nur noch Gerüchte durch die Beats-&-Rhymes-Fünf-Sterne-Küche.

Already woke, spared a joke, barely spoke, rarely smoke“ introduziert sich DOOM. ‘Ausgeschlafen und zu sich gekommen’ torpediert er uns langatmig mit kurzsilbigen Assoziationsclustern, so dass wir kaum auf die Idee kommen, uns zu fragen, was er die letzten Jahre, bitteschön, gemacht hatte. Die Kollegen Dangermouse und Madlib hätten ihn doch sicher gerne zum ein und anderen Record-Deal mit eingeladen (Madlib hat ihr gemeinsames Madvillainy-Album inzwischen funky wehmütig remixt)!

Vielleicht erkennt man DOOMs Schicksal daran, dass sein verbales Dünn- und Dickhäutertum ziemlich nah beieinander liegen: „Rings a tinkerbell, sing for things that’s frail as a fingernail“ vs. „Invigor nigga, fresh from out the jail, alpha male“. DOOM, die Alpha-Elfe, hatte ihr Glöckchen wohl zwischenzeitlich irgendwo verloren gehabt. Und jetzt? „DOOM rock grandma like the kumbaya!“, anschließend grollt er sinister „grarrr“. In Punkto Ironie hat er, scheint’s, einiges von MC Paul Barman gelernt, hoffen wir, dass er das pubertär-homophobische „Batty Boyz“ genau so meint. Wenn auch man anmerken muss, dass Humor nicht unbedingt da an Ironie gewinnt, wo man jeden Witz gleichzeitig erklärt.

supahvillainDoch wollen wir den Willkommensgruß erwidern: wer die feindlichen MCs mit ihren „Little titties abilities“ eine „Rectal hysterectomy“ empfiehlt, der kann so kleinkariert nicht sein. Hinzu kommt, dass der Villain in Interviews gerne betont, dass er auch ein Villain ist. Und damit meint er wohl die ominöse Verbindung zwischen ihm und seinen Masken.

Meine Empfehlung, Homies: Kauft Euch durch das DOOMsche Ouvre und macht Euch selbst an das Subjektworträtsel ran!

Slip like freudian, play yourself like an accordion“!


memorydub 2

2009/05/05

was ist Dein Thema? oder glaubst Du eher an ein Schema? ist das Leben insgesamt ephemer? und wie hälst Du’s mit der Gema? du besitzt bestimmt ein Leitbild-Rhema! bist Du Brandenburger oder Bremer? oder bist Du insgesamt bequemer? ein Geheimniskrämer und nur inhärent extremer? komm, mach mit und sei kein Endreimschämer!

& get in touch with MF Doom’s “lucky like one-in-three tickets off slippery lyrics


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