Das beste Hiphop-Album aller Zeiten!

2013/09/04

cover circlesDie New York Times tat in ihrer wunderbaren Rubrik „Die Top-Ten der wertvollsten, aber von den meisten Leuten missachteten Alben des Jahres 2000“ ganz recht, das Album „Circle“ von Dose One & Boom Bip zu erwähnen. Was die Redakteure allerdings nicht wissen konnten: dass dieses Album in geheimen Kreisen einst als das allerbeste Hiphop-Album aller Zeiten, also auch der fernen, fernen Zukunft gelten würde. Es erfüllt mich mit Stolz, dieses musikalische Sprechkunstwerk der Öffentlichkeit dieses tiefsten digitalen Steinzeitalters im Jahre 2013 inaugurieren zu dürfen.

Vorneweg: was muss ein bestes Album aller Zeiten eigentlich erfüllen? Es muss musikalisch hochwertig, vielseitig, im besten Falle genreübergreifend und historisch verkannt sein. Denn es gäbe wohl nichts langweiligeres, als ein Kunstwerk zu krönen, das längst in aller Munde zu Brei gekaut worden wäre. Das Beste, das Erlesenste, das Außergewöhnlichste findet sich stets im Gegensatz zum Allgemeinen, Profanen, Althergebrachten; generiert und motiviert durch das alltägliche, im lauwarmen Stahlbad der Kulturindustrie gereiftes Trotzgefühl – oder mit Martin Heidegger gesprochen: „gefunden in einem Finden, das nicht so sehr einem direkten Suchen, sondern einem Fliehen entspringt.“ Einem Fliehen vor all den lebenslänglich zu pubertärer Ausdruckskraftmeierei verurteilten Künstlerautomaten à la Eminem und Kanye West. Einem Fliehen vor der Realität der Selektion zwischen Conscious Rap, Hardcore, Gangsta, Grime, Emo, Oldschool, Newschool, Westcoast, Eastcoast, Southern Underground etc.

Dose OneUnd nun: „Circle“, ein Kreislauf von 29 Tracks – und Track mal buchstäblich genommen, also im Sinne von ‚Spur auf zurückgelegtem Weg‘, bedeutet: wir beginnen die lyrische Schnitzeljagd mit Track 1 „Open“ und schließen mit Track 29 „Close“. Danach geht alles von vorne los, denn man befindet sich schließlich in einem Kreis. Dazwischen: Introspektion. Die Ich-Suche als Zirkusnummer. Ein Potpourri in 3 x 9 Szenen + Beginn & Schluss mit großer Anfang-Mitte-Ende-Finte. Da erhebt es sich und verebbt, es mäandert, es entdeckt und schmeißt am Ende wieder alles weg: „i’ve found god, and lost him yet again in the gathering crowd. handshake unknown is blankets, electricity… pushed into the vat. glub, glub… emptiness for president.” (Ich habe Gott gefunden und verlor ihn dann wieder in der Menge. Händeschütteln Unbekannten ist gleich Wolldecken, Elektrizität… in einen Bottich gedrückt. Gluck, gluck… emptiness for president.)

Erstes und letztes Wort des Songtextreigens lautet „Flame“… von wegen „Flamme bin ich sicherlich“ (O-Ton Nietzsche: „ungesättigt gleich der Flamme glühe und verzehr ich mich“). Von solcherlei philosophisch und literarisch ungesättigten Fettsäuren getrieben, schwingt der Ich-Inspektor Dose One seinen Stift wie eine Machete durch den Cut-Up-Wörter-Wald in seinem Kopf. In 3 x 9 + 2 Bewusstseinsskizzen springt er ins metaphorische Kleid eines Vogelfängers auf der Suche nach dem funky dead butterfly. Damit mag sein Herz gemeint sein oder der Ursprung seiner künstlerischen Inspiration oder vielleicht ist es der Leser respektive Listener und also wir im Moment unsrer Vereinigung mit Mister Oberschöpfer.

“roof on my back, cloud in my hands, i want to be naked. rainbow in my eyes, lightning chaser, the birdcatcher, while crying. dead man talking. a work, 7/10/99. (…) so watch me do the funky dead butterfly and smile my lost ass found…”

Und mit einem Mal deckt sich des Schöpfers Innenwelt mit des Rezensenten Außenwelt. Sie ist weniger ein Suchen als ein Finden in einer Fluchtbewegung. Flucht wovor? Vor dem Krieg. Der Rapper meint: „The only war that counts is the war against the imagination. dream, love, be.“ Also bloß nicht in sich selbst ertrinken! Aber trotzdem schön berichten. Denn, wie meinte einst, der hier gar nicht so unpassende Fotograf Jeff Wall: „Nicht der Parkplatz ist schön, sondern das Bild von einem Parkplatz.“, sprich, nicht das Leben ist schön, sondern das Reden darüber…

Boom Bip

Und die Musik? Im Interview spricht Boom Bip von seiner ursprünglichen Intention, alle Genres in dieses Album hineinzupacken, die denkbar seien. Und damit überlagern sich auch schon die beiden Großmetaphern des Lebens, die das Album insgesamt einfangen will: Kreislauf & Labyrinth. Die ewige Widerkehr plus die Suche nach dem roten Faden. Also nicht nur in sich selbst, sondern gleichzeitig in dem, was mich umgibt, ertrinken. Die mariannengrabentiefe Soundlanschaft will dabei mehr als Untermalung irre abgefahrener Vocals sein. O nein! Beide lassen sich mitunter gern und gegenseitig in ihren Klang- bzw. Textbergen im Regen stehen oder sie graben breite Schneisen der Kontingenz ineinander, bis es eben nur noch blubbert oder flüstert oder hustet oder schabt, als ob da in der Ferne irgendeiner an irgendetwas herum zu zimmern hat, warum auch immer. Vielleicht ein Hobbybastler am Subjektkonstrukt mit Poesiealbum im Latztäschchen, der einsam zu sich selber spricht: „just keep saying to yourself… i cant get lost i don’t know where I am… i cant get lost i don’t know where I am…”

Der Schlusstrack, Spur Nr. 29, lautet: Klammer zu („to each their own, one word… flame.”), dann noch fünf Minuten Stille aus der Rille, nichts weiter (alles andere wäre plumpe Untermalung, wäre schließlich Deko und nicht Kunst), also fünf Minuten Stille, und die Möglichkeit, darüber nachzudenken, ob man jetzt von vorn beginnen möchte oder zur Entspannung lieber mal zu Eminem oder Kanye West greift.


Die zig Gebote

2013/08/29

Seit ich aus dem Urlaub zurückgekehrt bin, fühle ich mich mit einem Mal an ein moralisches Handeln gebunden, wie ich es bislang nur von den jedes Neujahr wiederkehrenden guten Vorsätzen gewohnt war… evtl. schleicht sich mit Eintritt ins mittlere Lebensalter aber auch ein quasireligiöser Bewältigungsdrang in den Alltagsmuff hinein. Hier nun ein kleiner Auszug aus ca. 4000 während einer transeuropäischen Zugfahrt aufgeschriebenen postsakrosankten Selbstgeboten:

Bild

Du sollst nicht um drei Ecken denken!

Du sollst das Wetter akzeptieren!

Du sollst die Schwerkraft nutzen!

Du sollst Dir nicht den Appetit verderben lassen!

Du sollst Fünfe gerade sein lassen!

Du sollst Dich nicht für dumm verkaufen!

Du sollst Dich nicht für dumm verkaufen lassen!

Du sollst nicht durch das Leben rauschen!

Du sollst keine Gedichte schreiben!

Du sollst nicht Erbsen zählen!

Du sollst im Nachbarzimmer lauschen!

Du sollst die Nacht nicht vor dem Morgen loben!

Du sollst Dich nicht vorn über beugen!

Du sollst nicht aufhören!

Du sollst die richtige Gelegenheit herbeiführen!

Du sollst den lieben Gott ’nen guten Mann sein lassen!

Du sollst nicht hinterfotzig sein!

Du sollst nicht zynisch wirken!

Du sollst Dich nach einer Flasche Wein nicht so wichtig nehmen!

Du sollst Dir nichts zusammenreimen!

Du sollst Dich wachsen hören!

Du sollst die Welt auf Händen tragen!

Du sollst nichts auslassen!

Du sollst die Gleichgewichte strapazieren!

Du sollst den Star-Kult ahnden!

Du sollst Dich nicht ins Bockshorn jagen lassen!

Du sollst den Augenblick verstehen lernen!

Du sollst Dich auf den Arm nehmen!

Du sollst die richtigen Gedanken erraten!

Du sollst die Wollust achten!

Du sollst improvisieren lernen!

Du sollst nicht um Vergebung bitten!

Du sollst die Stimmung nicht vermiesen!

Du sollst nicht aus der Rolle fallen!

Du sollst Dein Selbstmitleid aufsparen!

Du sollst die Richtung ändern!

Du sollst nicht ewig leben!

Du sollst nicht aus der Haut fahren!

Du sollst nichts unterschreiben müssen!

Du sollst Dir keine Angst einjagen lassen!

Du sollst Dir Deine Zeit vergelten!

Du sollst nicht Ja und Amen sagen!

Du sollst berufsunfähig sein!

Du sollst Verständnislosigkeit erzeugen!

Du sollst das Dasein nicht enträtseln!

Du sollst Deine Berufungen für Dich behalten!

Du sollst nicht für verrückt gehalten werden!

Du sollst Dich sichtbar machen!

Du sollst die Eheschließung öffnen!

Du sollst Dir keine Freunde machen!

Du sollst die Batterien wechseln!

Du sollst Dich über gar nichts wundern!

Du sollst die Bettlektüre ehren!

Du sollst das Einmaleins verlernen!

Du sollst nicht auf dem Zahnfleisch gehen!

Du sollst nicht ständig auf die Uhr schauen!

Du sollst nicht an die Wand starren!

Du sollst Dich nicht verteidigen!

Du sollst Dir nichts erzählen lassen!

Du sollst keine bedruckten T-Shirts kaufen!

Du sollst die Langeweile ehren!

Du sollst Dir keine Krankheiten ausdenken!

Du sollst nicht ohne Gute-Nacht-Kuss schlafen gehen!

Du sollst den Alltag achten!

Du sollst kein Lebensmotto haben!

Du sollst nicht an Geglaubtes glauben!

Du sollst die Werbebranche meiden!

Du sollst nicht humorlos schwanger werden!

Du sollst nicht auf die Waage schauen!

Du sollst deines Nachbarn Leben nicht simulieren!


Der Liebesliedpokal 2012 geht an Shabazz Palaces

2013/08/29

Wäre Björk ein Mann, trüge graumelierten Bart und verfügte über extraordinäre Rap-Skills, dann hieße Björk Palaceer Lazaro. Was dieses mögliche zweieiige Künstlerkarma jedoch voneinander trennt, ist der Zeitgeist: während Björk sich mit ihren letzten Outputs musikalisch immer tiefer in die selbst geschaffene Nische scharrt, verhilft Shabazz Palaces der Pop-Musik zu ungeahnter Beinfreiheit. Die Pfade, die er mit seinem psychedelischen Hip Hop bestreitet sind zwar nicht unbetreten (diverse Dubacts und Folkheads diverser Anti-Szenen hatten sie schon vorgeteert), aber so aufwühlend und gleichzeitig selbstverständlich klang das Neue lange schon nicht mehr.

shabazz-palaces

Da mag es kaum wundern, dass dieses Neue nicht nur in atmosphärischer sondern gleich in institutioneller Form daherkommt, belegt durch den ersten Vertrag des Indie-Labels Sub Pop mit einer Hip-Hop-Combo. Das alles scheint Herrn Lazaro aber keineswegs in den Schoß gefallen zu sein. Ist er doch den Hiphophistorikern noch in guter Erinnerung als Butterfly Ish des nativetonguesken Trios Digable Planets. Gemeinsam mit Ladybug Mecca und C-Knowledge überraschten die drei mit ihren beiden Alben „Reachin“ und „Blowout Comb“ Anfang der Neunziger die bereits etablierte Positive-Rap-Community mit fundierten Beat-Poetry-Referenzen, Lou-Reed-Samples und Karl-Marx-Credits. Was der Rap-Veteran nachweislich aus dieser Zeit mit herübergetragen hat, ist die Heiligsprechung der vereinten Gegensätzlichkeit: harte Drum-Samples vs. hingehauchtes Schmusesaxophon, politische Militanz vs. heitere Gelassenheit – immer ein Schritt neben dem Zeitgeist: „It’s hip! What’s hip when hip is just the norm?”

Digable+Planets

Auch als Shabazz Palaces ist Palaceer Lazaro nicht allein. Zurück aus New York, erbastelte er 2009 im eigenen Studio in Seattle zwei EPs gemeinsam mit dem Percussionisten Tendai Maraie. Auf eine My-Space-Seite wurde selbstbewusst verzichtet. Auf der eigenen Website werden keine Gastmusiker genannt, die Cover zieren arabische Muster, keine Gesichter. Geheimnis, Geheimnis, bis beide im Januar 2010 in Seattle endlich live auftreten. Im Gepäck das erste Sub-Pop-Hip-Hop-Album „Black up“. Und gleich gibt’s den Liebesliedpokal für “A Treatease Dedicated to the Avian Airess from North East Nubis (1000 Questions 1 Answear)”. Keine Angst, das ist ein handelsüblicher Tracktitel für die zwei und Programm: wer die Titel seiner Popsongs nicht in sloganhafte 3 bis 7 Wörter zu pressen vermag, der sprengt eben die konventionellen Muster zwischen Zeichen und Bedeutung mit Hilfe des Rhythmus seiner Sprache: 1000 Fragen 1 Antwort.

„What you doing? On your mind? How you feeling? What you reading? How your mom? How your dad? Is your car filled up with gas? Did you eat? Catch some sleep? What you wish? How you kiss? What kinda grocery on your list? Are you sleepy? Are you jealous? Who you love? Will you tell me? Did you see City of God?“

Doch die eine versprochene Antwort bleibt, wie bei jedem echten Liebesbeweis, ganz einfach aus. Kein Geheimnis. Kein doppelter Boden. Nur die Fragen an das Hier und Jetzt. Leben. Liebe. Ewigkeit. “If you talk about it, it’s a show/If you move about it, it’s ago.” Shabazz


no love, no light, no gravity

2009/10/06

Gerade haben The Notwist auf ihrem Haus-Label Alien Transistor den Soundtrack zu Hans Christian Schmids neuem Film „Sturm“ herausgebracht – natürlich rein instrumental, wie schon bei „Lichter“. Doch muss ich zugeben, nach „The Devil, You + Me“ von 2008, fehlen mir die Texte mehr denn je. Nur, außer mir, scheint bislang noch niemandem aufgefallen zu sein, welchen Qualitätsschub Mister Achers Notwist-Lyrics auf dem letzten Album erfuhren. Nein wirklich, ich höre mir diese traurigen Lieder nun schon seit 1991 regelmäßig an. Damals hatten wir alle Dreadlocks, die Band und ich und nun sehen wir alle aus wie Musiklehrer. mit dreads Als ich noch als Punk verkleidet war, ergötzte ich mich an der kafkaesken Mini-Prosa in „The Incredible Change Of Our Alien“ und schluchzte das Anti-Techno-Mantra „No lo-ove, no lo-ove, say there’s no love“ auf grauen Ruhrpottstraßen vor mich hin. Später empfand ich die lakonischer ausfallenden Exitenzialismen à la „12“ ebenfalls als sehr familiär: „Now I know a year has 12 days/Sometimes more but usually less/Now I’ve learned not everything has a name/Or how do you call a thing that eats itself“.

Dann kam der Hauch Großstadt, ein hippes, elektronisches Knispern und Knurzen dazu und ich, der ich damals häufiger in englischsprachigen Ländern weilte, entlarvte die Lyrics als indifferent konstruierte Idiosynkrasien, deren deutschen Akzent man schon aus dem Booklet herauslesen konnte. So schön das Lied „Electric Bear“ musikalisch war und ist, der Text gehört schlicht streng zensiert. „I can talk of your eyes every day/Cause they don`t look old/And I never feel any cold“. Vorbei die gut geklaute Kafka- respektive Beatnik-Atmo. Vorbei die Jugend und das tarkowskijeseke Selbstenthüllungsdrama jener Zeit.
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Ich flüchtete mich erstmal zu Stockhausen und Ligeti und kam einige Monate später verdutzt zurück mit Busdriver und MF Doom. Und auf einmal waren auch The Notwist wieder da. Aus reiner Nostalgie hörte ich noch einmal rein und siehe da: der Acher hatte nachgedacht. Kafka war wieder da, sogar kohärenter („He’s living next the rails/He can tell you things of different cars and trains/Now he’s trying the whole day/To SWITCH off time by causing train-delay“) und ich fühlte mich wieder jung. Das melancholische Gezeter ging wohl dosiert weiter und selbst abstruse Lyrikfloskeln à la „opaque air“ versauten mir dabei nicht den Appetit, selbst das Mantra war wieder da und der Text „Off the rail“ perlte ins Langzeitgedächtnis hinein: „We’re off the rails. Now we are/Trains ourselves. No wait and see/We’re off this place doesn’t mean/We’re somewhere else. This is all/I know: sitting still to watch the engines come and go“. Lalala, lalala.
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Doch war das erst der Anfang. Denn Markus Acher hatte sich infiziert und eine Dosis Doseone injiziert. Im Interview mit Pitchfork gestand er: „In the beginning, when I started writing lyrics and singing in English, I always thought it’s pop music, you sing in English. But after I thought about it more, I had this crisis and I thought it was really stupid to sing in English. You always have to translate and you can never say what you want. I was becoming really conscious of this process of translation, and then I met Adam Drucker (Doseone) and he was really important, because he was someone who I think is a really great writer and he would tell me I could use words totally differently, because I don’t know them.“

Doseone, der beatpoetischste Rapper dieses Jahrtausends, hat MC Notwist ein paar krude Vokabeln mehr und stilistische Gepflogenheiten in den Schoß gelegt. Und nun singt der deutsche Schwermutcowboy mit einem Mal von bones und hell anstatt von dreams und fall. So klingt das Ätherische heute ein wenig erdiger.
Charles Burns
Und selbst das brandneue Mantra „Sleep“ umweht ein Hauch von Ambivalenz: „On and on and on and on and on/Someone has sleep for me/Is it all just letters and bones“, mit nie gekannten lyrischen Spitzen Gevatter Schlaf betreffend: „This god is a nothing phantom/And a pocket light“. Apropos Lyrik, der Song „Gravity“ ist so bildermächtig und humorvoll, dass sich selbst Herta Müller mit ihren Schnipselgedichten herausgefordert fühlen müsste: „Bring in the savage/Bring in the loud/And fill our house with all the homey astronauts“. Das klingt nach „The Notwist goes Monty Python“. Stimmt aber nicht. Hier herrscht die altbewährte, belastungserprobte Songwriter-Atmo: schwermütig und dauerdebil. Nur die Bilder, die der Acher dafür findet, spenden Trost und machen richtig Spaß: „Guardian help me, angel shoot/All you ghosts stand by and salute/And explain:/Why is everything so locked up?“.


Do you want to be my Zeitgeist?

2009/09/07


Busdriver1Achtung! Achtung! Rapper werden immer klüger! Rhymebooks werden stets komplexer! Abseits von Ghetto und Muckibude lesen die „Unemployed Black Astronauts“ heute Burroughs, Joyce und Barthes! Bald werden wir Hip Hop studieren müssen, um ihn zu verstehen. Wir werden Seminare wie „Dialektisches Denken im Nerdcore“ und „Die Globalisierung des Selbst – von Rimbaud zu MF Doom“ belegen müssen, Suhrkamp und Reclam werden Sekundärliteratur zu einzelnen Platten feilbieten. Und wer beginnt das Ganze? Natürlich wir Amateure im globalen Netz. Also los! In unserer Reihe „One-Track-Philosophy“ steht Busdrivers „Me-Time (With The Pulmonary Palimpsest)“ vom neuen Album „Jhelli Beam“ auf dem Programm.

Lektion 1: Das Lungenpalimpsest

busdriverBusdriver rappt zum zweiten Mal über ein bekanntes Thema aus der klassischen Musik. In „Imaginary Places“ wollte er das Hip Hop Empire zu Grabe tragen, in dem er und sein Producer Paris die Melodie aus Bachs Flöten-Menuet Nr. 2 in H-Moll simultan mitrappten und -scratchten. Vier Alben später wird diese Schlacht neu ausgetragen, das heißt: neu beatmet und beschrieben (denn Palimpsest meint ein Papier oder Pergament, das neu beschrieben wird). Über Mozarts Klaviersonate in A-Dur beschwört der Meister ein „Golden Egg“ (quasi ausgesprochen wie „Golden Age“), das nur er zu kennen scheint, denn er fühlt sich missverstanden: „your least favorite rapper“. Also versuchen wir ihn doch einmal zu verstehen: „(automated) voter readytellers‘ are the subsequent heavy seller in the pool of undecided’s registry (…) yet they give credience to the pro war, pondering, as we all squabble for Saturn’s rings“. Punkt.

(Die Schreibfehler sind übrigens keine Schreibfehler, sondern Portmanteaus) Wollte ich Euch das erklären, müsste ich zu jenen Englisch-Lehrern gehören, die ihren Leistungsfach-Schülern „Finnegan’s Wake“ gerne noch nach der Schule zurechtanalysieren. busdriver and owlDa ich aber nicht Euer Etymologie-Lexikon sein will, sondern lediglich gute Musik empfehlen möchte, berufe ich mich auf Busdrivers eigene Worte, in deren Welt der „(Happy Ever) After Benefactor“ herrscht und „Happy Black Rappers“ ohne Rücksicht auf das Verständnis der Masse ihre In- als Auszeit propagieren: „(when I’ve been) overthought an‘ undercooked, that’s when I need me-time“.

Also: schnell selbst kaufen, reinhören, nachlesen, weiterforschen und zum Beispiel eine Platte vom „Happy White Rapper“ MC Paul Barman besorgen und das Palindrom studieren, schön vergleichen und erkennen: Yo, im Anfang war das Wort!


Die Einsamkeit des Wachmanns bei Imi Knoebel

2009/07/09

Die Einsamkeit geht spazierenSo macht Katharsis wieder Spaß. Nachdem Jeff Koons die Neue Nationalgalerie mit seinen leergestylten Kitschfiguren auratisch kontaminiert hatte, nimmt Imi Knoebel den Staubsauger in die Hand und räumt den Van-der-Rohe-Tempel erst mal auf, pinselt die Glasfassaden zu und lässt das Wachpersonal ins Leere laufen. Dazwischen geht man selbst herum und fragt sich, worauf der Wachmann wirklich aufpasst? Auf Knoebels schnöde Pressholzstapel etwa? Oder auf die Marmorpfeiler, die da immer stehen?

Die Einsamkeit sitzt hinterm KalkschleierWährend ich durch Rohes Restkunstrampe stapfe, erschnüffle in meiner Neugier aber doch einige Resultate krimineller Energie: freigekratzte Löcher auf den kalkverschmierten Fenstern. Da hat der ein und andere Kunstbesucher in seiner oder ihrer blühenden Fantasie die Nationalgalerie wohl mit dem Château d’Ilf oder mit Alcatraz verwechselt. Schaut man da hindurch, kann man draußen einsame Menschen vor der Glasfassade sitzen sehen und schöne, traurige Berlin-Fotos mit nach Hause nehmen.

Der KunstschachtOder man kann beim Spaziergang durch den hohlen Raum die geheimnisvolle Kraft des Lüftungsschachts in Marmorpracht bewundern, die man sonst zwischen den „Das-muss-man-einfach-gesehen-haben“-Exponaten nie zur Kenntnis genommen hätte. Insofern: ja, tatsächlich, hier findet eine Reinigung statt. Hier kann man seine Hände in Kunst waschen ohne sie sich dabei schmutzig machen zu müssen. Hier kann man das Ausgestellte noch so sehr für bare Kunst nehmen, heraus kommen immer die Erfahrung eines leergefegten Raumes und die temporäre Befreiung von der Alltagsmythologie.

Zu Hilfe, zu Hilfe, sonst bin ich verlorenSelbst mit des Künstlers Referenzen hinsichtlich der weißen Wandscheibe mit drei Türen „Zu Hilfe, zu Hilfe, sonst bin ich verloren!“, die gleich hinterm Eingang steht, kann man mich nicht mehr beeindrucken. Ich bin zu eingenommen von der Einfachheit meiner eigenen Erfahrungen. Egal wie herum ich durch die Türen spaziere, immer gehe ich von einem geleerten Raum (drinnen) in einen anderen geleerten Raum (draußen) oder umgekehrt. Räume voller Möglichkeiten, denke ich, nach dem mir, wieder draußen, der Bus vor der Nase weg fährt.


Blackbirds backwards: Buck 65 poliert den Emo-Rap

2009/06/29

Bike For ThreeEmo-Rap ist leider nie Alternative zum leidlichen Dicke-Hose-Hop geworden. Gut, die Conscious-Type-of-Guys-&-Girls durften immer schon mal dissapointed sein, verzogen sich dann aber gern in antiquierte Zugehörigkeitsfantasmen (meistens unter die Fuchtel des Allmächtigen). Wer sich einfach nur mal so „sad like a truck“ und splitternackt hinter der Stirn geben wollte, der hängte sich wie eh und je eine Gitarre um den Hals. Doch gab und gibt es Ausnahmen. Die hellsten Sterne am Melancholy-Hiphop-Himmel heißen Epic, Nomad und Pigeon John. Erstere schämen sich gern auf ganz konkrete Art, die üblichen Rapper’s Delights zu goutieren. Letzterer hat mit „Matter 101“ schlichtweg die evergreenste Hiphop-Ballade geschrieben, die wo gibt:

You can fight
You can write
You can piss and gripe
And try to climb up the ladder
But know this, the abyss will swallow
And kiss as you become decompost matter!

Und schließlich ist ihm auch die größte Erniedrigung seiner Community egal:

I don’t care,
if the Hip-Hop-Heads turn away and say
Pigeon John has turned gay.

Und nun kommt Buck 65, der seit jeher das musikalische Niemandsland zwischen Tom Waits und Masta Ace für uns bewirtschaftet, also immer schon experimentierfreudig und conscious unterwegs ist, aber noch nie „so lost“, wie neuerdings als Duo Bike For Three. Auf dem gerade auf Anticon erschienen Album „More Heart Than Brains“ hat ihm Joelle Phuong Minh Le (aka Greetings from Tuskan) mit vertraut klingenden Bimmel-Clicks und Bummel-Cuts ein modernes Märchenland serviert, per E-Mail, versteht sich. Bike For Three Photo
Und 65 lässt seine Johnny-Cash-Allüren ausnahmsweise mal im Schrank und gibt sich so fragil wie ein Martini-Glas beim Bauarbeiter-Frühschoppen. „There’s only one of us, parallel (…), thinking thoughts we’re scared to tell“, spricht er da, als wären es die letzten Worte vor dem ersten Kuss, der niemals Wirklichkeit erlangen wird. Und als wäre Rap nie zu etwas anderem da gewesen, als zur Einsicht in ein zartes und verhuschtes Dichter-Ich. www.bikeforthree.com